Liebeskummer
Vieles von dem, was in Therapien und psychologischen Beratungsstunden als "Partnerschaftsproblem" abgehandelt wird, kann mit gutem Gewissen auch als "Liebeskummer" bezeichnet werden. Was aber ist Liebeskummer ? Die sehnsuchtsvolle Verehrung einer unerreichbaren Person, von der man geliebt werden möchte ? Oder die Angst, jemanden zu verlieren, den man liebt ? Oder die Erkenntnis, jemanden zu lieben (oder sich in ihn verliebt zu haben), der nichts von uns nichts wissen will ? Oder die Erkenntnis, in der Liebe belogen und betrogen worden zu sein ? Das alles ist Liebeskummer auch, aber nicht nur.
Denn Liebeskummer hat als Basis meist mit der Sehnsucht nach der absoluten Liebe zu tun, einer Liebe, die alles Trennende in Raum Zeit aufheben soll, in der wir mit dem geliebten Anderen verschmelzen und neu, stark und für immer siegreich sein werden. Wer sich absolute Liebe wünscht (also nicht mit dem zufrieden sein kann/will, was der andere, der Partner, ihm von sich aus anbietet), dem geht es meist weniger um eine erotische Form der Zuwendung und des Miteinanders: Er sucht die Auflösung im anderen, im Miteinander und im Einssein, ersehnt also eine Wiedergeburt seines Selbst in der Liebe. Für diesen Wunsch nach Selbstverwandlung und Selbstaufgabe es ist schwer, einen adäquaten Partner zu finden und noch schwerer, ihn zu halten.
Liebeskummer tut meist sehr weh, hat in diesem Schmerz viele Gesichter und ist, siehe oben, weit mehr als ein romantisches Gefühl, das man eigentlich mit dem Ende der Schulzeit abgelegt haben sollte. Wer fürchtet, vom Geliebten/von der Geliebten verlassen zu werden und dann vielleicht auch noch erkennen muss, dass er längst durch einen anderen Menschen ersetzt worden ist, der erleidet eine heftige narzisstische Kränkung, die sein Gefühlsleben in Aufruhr versetzt. Denn, so der Schweizer Therapeut Jürg Willi:
"...die Sehnsucht nach der absoluten Liebe wird durch sexuelle Nebenbeziehungen aufs Tiefste verletzt. Mit dem Sich-Einlassen auf eine andere Liebesbeziehung wird die absolute Liebe verraten. Eine Fremdbeziehung spaltet die Liebe, zerstört deren Ganzheitlich und ihre Reinheit. ...
Beim Betrogenen führt die Nebenbeziehung (die der Partner eingegangen ist) zu einem Getroffenwerden im innersten Kern der Person und wird oftmals wie der Tod erfahren. Es wird dabei das bedingungslose Aufgehobensein, das blinde Vertrauen in den Partner und dessen Liebe verletzt. Die Betroffenen klagen, ihnen sei der Boden unter den Füssen weggezogen worden, das ganze Gebäude, auf dem sie ihr Leben aufgebaut hätten, sei in sich zusammengebrochen, sie fühlten sich wie tot... Etwas sei in die Brüche gegangen, das nicht wieder reparierbar sei".
("Wenn die Liebe schwindet", Jürg Willi, Bernhard Limacher (Hrsg.), Stuttgart 2005). ...
Absolute Liebe ist also ein unerfüllbarer Wunsch, für den wir meist einen sehr hohen Preis bezahlen. Und der Anblick der Unerfüllbarkeit ist eine der tiefsten Enttäuschungen, die wir Menschen in unserem Leben erleiden müssen. Denn hinter dem Wunsch nach der absoluten Liebe steht noch etwas: Die Sehnsucht, in diesem Geworfensein in die Endlichkeit einer
Existenz, die wir uns nicht aussuchen konnten und von der wir nicht wissen, wann sie zu Ende sein wird, wenigstens nicht allein sein zu müssen. Die Erfahrung, dass dieser tiefste Wunsch in uns nicht erfüllt wird, egal wie gross unsere Schmerzen darüber auch sein mögen, fordert unsere ganze Kraft und all unseren Mut.
Wir müssen uns nämlich aus einem Traum befreien, dem Traum des Verbundenseins in einer unaufhebbaren Einheit mit einem anderen. Statt dessen müssen wir das erkunden, was uns wirklich als Eigenes zur Verfügung steht, worin wir nicht erschüttert und schon gar nicht belogen und betrogen werden können: Unser eigenes Selbst, in dem wir sicher und verbunden sind im Hier und Jetzt, wo uns kein Liebesschmerz und keine Möglichkeit der Verstrickung noch einmal zu kindlichen Verschmelzungswünschen verführen kann.
Wer das Verweilen im Augenblick übt (am Besten durch die Übungen zur Achtsamkeit auf den Körper), der schafft es irgendwann, die schmerzhaften Bilder der Vergangenheit vom Bildschirm seiner Wahrnehmung zu verbannen. Denn wem es gelingt, im "Jetzt" zu leben, der gewinnt die Gewissheit zurück, ohne den anderen nicht nur überleben zu können, sondern mit sich selbst und durch sich selbst sicher und glücklich zu sein. Und besonders eine neue Liebe, eine sich anbahnende neue Partnerschaft (in der dann der andere auch bleiben kann, was er ist: Nämlich nicht ich und auf vielfältige Weise anders als ich) stünden dann auf viel versprechend solideren Füssen.
Psychologische Beratung – Petra H. Marcotty
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